Interview mit Sebastian Lehmann

Poetry Slams gedeihen gut auf Berliner Boden. Artiberlin sprach mit einem, der lange dabei ist und es geschafft hat. Site4 von Marion Bergermann (12.12.2012)
Titelbild

Sebastian Lehmann ist Poetry Slammer, Autor und Moderator. Als er zum Studium der Neueren Deutschen Literatur, Philosophie und Geschichte nach Berlin zieht, bekommt die Poetry Slam-Welt eine immer größere Bedeutung in seinem Leben. Um die Bedeutung des Lebens als Endzwanziger, Langzeitstudent, Kreuzbergbewohner geht es dann auch in seinem Buch „Sebastian. Oder: Das Leben ist nur ein Schluck aus der Flasche der Geschichte.“ Zwei Mal im Monat liest er bei der „Lesedüne“ (http://www.artiberlin.de/article/Spoken_words_im_Kulturdschungel) im Südblock, die er mitgründete. Momentan schreibt der Slammer einen Roman, der Juli 2013 erscheint und von dem Sebastian Lehmann bisher nur verrät, dass es „um Neukölln und Stoffbeutel“ geht. 
 
 
Du machst bei der Lesedüne mit und moderierst den Kreuzberg Slam. Was machst du sonst noch so?
 
Wir machen in Potsdam die PotShow, auch eine Art Lesebühne, und dieses Jahr werde ich die Stadtmeisterschaften zusammen mit Wolf Hogekamp in der Volksbühne moderieren. Ansonsten Slams und Lesebühnen als Gast, nicht mehr so viel bei Slams, lieber Lesebühne, aber hin und wieder gehe ich noch zu Slams. 
 
Wie hast du von diesem Konzept Poetry Slam überhaupt erfahren und wie kamst du dann dazu?
 
Ich kannte es schon bevor ich nach Berlin gezogen bin. Schon in Freiburg, wo ich herkomme, bin ich als Zuschauer hingegangen, das ist einer der ältesten Slams dort. Dann bin ich nach Berlin und habe ein paar Leute kennengelernt, z.B. Marc-Uwe (Anm. d.Red.: M.-U. Kling) und dann haben wir angefangen hinzugehen und auch gleich selber mitzumachen. Wir haben beim legendären Scheinbar-Slam in der Scheinbar angefangen. 
 
War das am Anfang eine Überwindung?

 
Man macht es ja dann richtig häufig und irgendwann kriegt man eben Routine. Wir sind dann wirklich regelmäßig zu den Slams in Berlin und auch außerhalb gegangen. Das Spannende ist, wenn man ganz neue Texte vorliest, da ist man auch ein bisschen aufgeregt, weil die Feuerprobe für einen Text ja immer das erste Mal auf der Bühne ist. Kann ja ganz anders laufen als man vermutet hat. 
 
Du liest ja immer recht ruhig und gleichmäßig vor, nicht so extrovertiert wie andere, die dabei viel schauspielern, ihre Stimme verstellen. Ist das eine Art, die du dir angewöhnt hast oder hast du gemerkt, dass dies am meisten deinem Charakter entspricht?

 
Ich glaube, dass es vor allem am besten zu den Texten passt. Meine Texte sind ja eher erzählerisch und selten mal lyrisch-performativ. Und dann ist es albern groß auf der Bühne herumzuhampeln. Bei anderen macht das mehr Sinn. 
 
 
Kannst du davon leben? Da du ja viele Veranstaltungen mitmachst und dafür ja auch Zeit zum Schreiben brauchst.

 
Da gibt es eine ganz gute Antwort in einem Lied von Marc-Uwe Kling, das heißt „Kann man davon leben“: Kommt drauf an, wie man Leben definiert. 
 
Ist es so, dass du immer ein Notizbuch dabei hast oder nimmst du dir feste Zeiten, zu denen du dich hinsetzt und schreibst?
 

Ich habe es mal mit Notizbüchern probiert, aber irgendwie schreibe ich mir da nie was rein. Ich habe immer ganz viel verschiedene Zettel, die überall herumliegen. Wenn mir irgendwas einfällt, ein Thema oder ein witziger Satz, schreibe ich das schnell darauf. Ich mache mir nur Notizen auf Zettel, den Text schreibe ich aber sofort auf dem Computer. Aber ich schreibe auch ganz viele Texte einfach am Computer runter.

Auf deinem Blog erfährt man, dass du deine Verkaufszahlen genau verfolgst und schaust, wo du da gerade so stehst. Interessierst du dich dafür, wie „berühmt“ du bist?


Ja, klar. Aber das hält sich ja alles noch im gesitteten Rahmen, ich werde nicht auf der Straße von Teenagern belagert. Es ist auch so, dass das mit diesem ganzen Internet ja ständig präsent ist. Früher hat man alle halbe Jahre die Zahlen, wie oft das Buch verkauft wurde, vom Verlag bekommen und jetzt kann man immer mal gucken, wie es gerade läuft. Und ich glaube, fast jeder Autor macht das, weil es einfach interessant ist und man wissen will: Lesen es die Leute oder lesen sie es nicht? 
 
Hast du manchmal das Gefühl, dass das Publikum bei Slams übertrieben viel lacht? Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Leute schon über das Platteste lachen, obwohl es gar nicht so angedacht war von den Vortragenden. 

 
Echt? In Berlin nicht. In Berlin ist das Publikum immer eher ein bisschen skeptischer. Die kennen viel und sind erst einmal abwartend. Aber ich finde das eigentlich ganz gut. Bei Comedyveranstaltungen, die 30 Euro Eintritt kosten, ist das eher so. Je teurer der Eintritt ist, desto lachbereiter ist das Publikum, weil sie sich natürlich amüsieren wollen für das ganze Geld, was sie bezahlt haben. Das ist bei Slams noch relativ human. Ich trete trotzdem am liebsten in Berlin auf, weil ich die Stadt ja auch in meinen Texten mitreflektiere. 
 
Kannst du dir vorstellen, dass es manchmal ein bisschen schwierig ist für Leute, die neu sind? Dass sie sich dann überhaupt trauen, zwischen euch aufzutreten? 
 
Ja, ich denke schon. Aber es gibt in Berlin mittlerweile mehr als zehn Slams. Und der Kreuzberg Slam ist halt der größte. Es kommen 500 Leute, klar, dass es dann da schwierig ist für Newcomer. Aber wir halten es hoch, dass man auch einfach spontan mitmachen kann. Eigentlich haben Slams in der Größenordnung keine offene Liste mehr, aber wir wollen das schon noch. Das macht ja auch Slam aus, im Gegensatz zu einer Lesebühne, dass die Möglichkeit besteht für jeden, der Bock hat mitzumachen - egal ob da jetzt 500 Leute sind.

 
http://www.sebastian-lehmann.blogspot.de/
http://www.youtube.com/watch?v=aNWGOpficBE

Titelfoto: Hendrik Schneller


Marion Bergermann

 

 

Über die Autorin: studiert Soziologie und Französische Philologie und ist auf der Suche nach der ultimativen Job-Verbindung zwischen Sprachen, Gesellschaft, Schreiben und Radio. Bei artiBerlin schreibt sie die Reihe "Spoken words im Kulturdschungel" und interviewt Leute aus der Literaturwelt.

Kommentare & Bewertungen (5) 

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Margaret Brown
Margaret Brown am 27.08.2017 um 17:33 Uhr
He is my role model.
Helen Daniels
Helen Daniels am 25.06.2017 um 19:19 Uhr
He's such a great man, I love him.
Mary Williams
Mary Williams am 05.06.2016 um 20:40 Uhr
I think I just fell in love! He's just perfect!!!
William Williams
William Williams am 14.05.2016 um 15:16 Uhr
He is not only a great musician, but a very smart man! Greetings from Poland! :)
Sophia Midgett
Sophia Midgett am 26.04.2016 um 22:24 Uhr
I love Sebastian! He's so smart and handsome. I could listen to his voice all night. Great interview!

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